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Stellen Sie sich vor, Sie gehen zu einem Fußballspiel. Die Mannschaft kennen Sie nicht, doch Sie haben schon viel von ihr gehört. Hochleistungsspieler sollen es sein. Geboren, um zu siegen!

 

Das Spiel beginnt

Es geht los, der Schiedsrichter pfeift an und Sie trauen Ihren Augen kaum: Spielen da etwa Kinder mit Greisen in einem Team? Die Alten feuern ihre Bälle kopflos auf das Tor. Die Jungen stehen debattierend auf dem Feld und bewegen sich keinen Meter vorwärts.

„Was soll das?“, schreien Sie, „Hat denn jeder seine eigenen Regeln und wo ist eigentlich der Schiedsrichter?“

Weiter kommen Sie nicht mit Ihren Beschwerden, denn auf einmal heißt es: „TOOOOR!“

Nein, das kann nicht wahr sein – das hätten Sie doch gemerkt.
Das Stadion tobt vor Euphorie, Sie toben vor Wut!
Doch das, was Sie jetzt sehen, verschlägt Ihnen abrupt die Sprache: Der Ball liegt nicht im Tor, er liegt im Aus. Die Fans aber stört das nicht, sie jubeln und sind sich ihres Sieges gewiss. Im Augenwinkel beobachten Sie, dass sich das Tor bewegt – es bewegt sich geradewegs auf den Ball zu. Die jüngsten Spieler tragen es mit vereinten Kräften über das Spielfeld und platzieren es exakt über dem Ball. „Jetzt ist der Ball eindeutig im Tor“, denken Sie und ohne zu wissen, wie Ihnen geschieht, hören Sie sich selbst brüllen: „TOOOOR!“

Zugegeben, mit Fußball hat dieses Spiel nicht mehr viel zu tun – dafür umso mehr mit den Eigenarten menschlichen Denkens:

Verzerrungen

Wie diese Mannschaft schafft es das Gehirn, am laufenden Band Gewissheiten zu generieren, die oft wenig mit der wahren Wirklichkeit zu tun haben. Hintergrund ist, dass 90% der Informationen, die wir bewusst verarbeiten gar nicht aus der Umwelt kommen, sondern aus unserem Denkorgan selbst. Das Gehirn verzerrt das, was wir wahrnehmen und das, was wir erinnern (vor allem aufgrund alter, unbewusster Lernerfahrungen, s.u.). Jeder hat folglich seine eigene Wirklichkeit. Ein Ball im Tor kann somit für jeden etwas anderes bedeuten. Eine schwierige Beziehung zu anderen nimmt hier oft ihren Anfang.

Sicherheitsbedürfnis

Wie diese Mannschaft ist das Gehirn blutjung und greisenalt zugleich. Die ältesten Hirnsegmente teilen wir mit Tieren. Sie kennen Angriff oder Flucht und sind schneller als jede Logik. Während Flucht bei körperlicher Gefahr sinnvoll ist, ist sie es in der Abschlussprüfung nicht.

Das Gehirn interessiert sich jedoch nicht dafür, ob unser Denken sinnvoll ist – es soll uns schlichtweg am Leben erhalten.

Alt sind auch Erfahrungen aus der frühesten Kindheit, die wir nie vergessen, aber nicht bewusst erinnern können. Sie haben die Macht, uns plötzlich traurig oder ängstlich zu machen, ohne, dass wir wissen, woher diese Gefühle kommen. Das komplexe Großhirn hingegen (der jüngste Teil) macht uns als Menschen einzigartig und befähigt zu logischen und abstrakten Denkleistungen. Leider ist es langsam und kann sich nie sicher sein, ob die Informationen, die es verarbeitet auch tatsächlich stimmen (s.o.).
Da es mit den alten Hirnsegmenten eng verwoben ist, bevorzugt es außerdem Dinge zu denken, die sich sicher anfühlen.

So kommt es, dass wir den Ball im Tor bejubeln und die fadenscheinigen Umstände schnell vergessen.

 

Seien Sie deshalb der Schiedsrichter!

Glauben Sie nicht alles, was Sie denken und hinterfragen Sie Ihre Gedanken regelmäßig.

Machen Sie sich bewusst, dass unreflektiertes Denken Ihr Lern- und Entwicklungsvermögen behindert und in Form negativer Glaubenssätze auch der Liebe zu Ihnen selbst im Weg steht.

Denken Sie, was Sie wollen und nicht, was Ihr Gehirn will.

Stellen Sie sich selbst Fragen, wie es Sokrates vor 2500 Jahren getan hätte:

 

  • Stimmt mein Gedanke? Lässt er sich objektiv belegen? Gibt es Gegenbeweise/Ausnahmen?
  • Was genau verstehe ich unter Liebe/Moral/Schönheit/…?
    Ist das wirklich meine Meinung oder habe ich sie unbemerkt von anderen übernommen?
  • Wem nützt dieser Gedanke – mir, anderen Menschen, der Wirtschaft?
  • Stärkt mich mein Gedanke? Wie müsste ich die Sache sehen, um mich wohl zu fühlen und selbstbestimmt zu entscheiden?

 

Weiterführende Literatur:

Cozolino, L. (2017): Warum Psychotherapie wirkt, Arbor, Freiburg

Rauen, C. (2014): Coaching, Hogrefe, Göttingen

Sprenger, R. K. (2016): Die Entscheidung liegt bei dir! Campus, Frankfurt / M.